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05.08.2015

Betrifft: Freundschaft

Werden Routen leichter, wenn man sie mit Freunden durchsteigt? Nein, aber das gemeinsame Erlebnis wird tiefer und reicher

In Werner Herzogs Film „Gasherbrum – Der leuchtende Berg“ sagt Reinhold Messner offen, dass er sich Hans Kammerlander nicht freundschaftlich verbunden fühlt. Für ihn seien andere Kriterien bei der Auswahl des Partners wesentlicher.

Dieser Einstellung kann ich durchaus etwas abgewinnen. Weder ist Freundschaft zwischen Seilpartnern essenziell, um Berge zu besteigen, noch werden Routen leichter, nur weil man einen Freund an seiner Seite hat. Für mich sind Kletterkönnen, Motivation und Erfahrung die entscheidenden Argumente bei der Wahl meiner Partner. Trotzdem muss für mich das Zwischenmenschliche mehr sein als eine reine Zweckgemeinschaft. Je größer das Projekt ist, desto wichtiger wird diese freundschaftliche Verbundenheit.

Ich bin deshalb sehr wählerisch, mit wem ich meine Zeit verbringe. Denn in Extremsituationen am Berg kommt das Wesen jedes Menschen viel deutlicher heraus. Man lernt sich noch einmal anders kennen. Um das zu erleben, braucht es nicht erst eine komplexe Herausforderung hoch oben in der Wand. Schon wochenlanges Warten im Basislager auf engstem Raum und ohne Privatsphäre bringt zwangsläufig Spannungen mit sich. Dann spürt man, wie gut der gemeinsame Draht ist.

Dass eine starke Verbundenheit da ist, zeigt sich für mich oft auf einer anderen Ebene. Es ist dieses gute Gefühl, nichts sagen zu müssen und sich trotzdem zu verstehen: Beim ersten Versuch auf der 7.668 Meter hohen Chogolisa in Pakistan kämpfte ich mich mit Peter Ortner stundenlang durch grundlosen Schnee, an einem bestimmten Punkt wussten wir beide: Es ist Zeit umzudrehen. Worte waren da nicht mehr notwendig.
Beim Erstbegehungsversuch der Route „Spindrift“ in der Laserz-Nordwestwand der Lienzer Dolomiten sind wir mit zu wenig Sicherungsmaterial eingestiegen. So richtig klar wurde mir das erst beim Vorsteigen der vierten Seillänge. Als ich mich dazu entschied,nicht mehr weiterzuklettern, dachte ich nicht einen Moment daran, dass Peter mir das schlecht anrechnen könnte. Wir hatten beide alles gegeben und müssen uns gegenseitig nichts beweisen.

Gemeinsame Projekte am Berg leben von ähnlichen Vorstellungen über Routen, Taktik und Risikobereitschaft. In einer Freundschaft dürfen auch Kontroversen ihren Platz haben. Ich erwarte von meinen Partnern nicht nur, dass sie ihr eigenes Potenzial zu hundert Prozent ausschöpfen, sondern auch, dass sie ihre Meinung sagen. Selbst dann, wenn diese nicht meiner entspricht. Bei der Expedition zum Masherbrum, meinem in Pakistan gelegenen Traumberg, haben Peter Ortner, Hansjörg Auer und ich genauso heftig wie emotional über die sinnvollste Aufstiegsroute diskutiert. Bis zum Schluss waren wir uns darüber nicht zu hundert Prozent einig. Vielleicht wird sich gerade diese Diskussion um die geeignete Linie als ein Schlüssel für das Projekt herausstellen.

Ist Freundschaft also doch die wichtigste Basis für den Erfolg? Sicher nicht. Oft genug bin ich mit Freunden gescheitert. Andererseits habe ich anspruchsvolle Projekte mit neuen Seilpartnern schon bei der ersten gemeinsamen Tour umgesetzt. Die Berge werden nicht niedriger, weil ich sie mit Freunden besteige. Der Unterschied liegt für mich in der Qualität des Erlebten, egal ob in Form eines Erfolgs oder im Scheitern: Das gemeinsame Erlebnis wird größer, tiefer und reicher.

Als Kolumne erschienen im Magazin Bergwelten

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