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11.11.2015

Betrifft: Risiko

In der Wand ist das Risiko immer präsent. Die Frage ist: Wofür lohnt es sich, Gefahren einzugehen

Vor drei Jahren bin ich die Route „Les Barbares“ im Alleingang geklettert. Die Linie im Mont-Blanc-Gebiet zieht entlang dünner Eisadern durch eine senkrechte Wand zu einem Felszahn über dem Argentière-Gletscher. Schon mit einem Kletterpartner ist diese Route eine delikate Angelegenheit in durchwegs ausgesetztem Gelände. Solo, nur mit Selbstsicherung, ist die Route eine noch größere Herausforderung.

Auf dem Weg über den Gletscher hatte ich drei mögliche Ziele im Kopf. „Les Barbares“ war das schwierigste, aber auch reizvollste. Abends im Zelt fasste ich meinen Entschluss: Ich würde sie versuchen.

Natürlich kann eine Verkettung unglücklicher Umstände bei einem solchen Abenteuer zu einem fatalen Ausgang führen. Dieser Tatsache darf man sich nicht verschließen. Von außen betrachtet könnte man deshalb meinen, wer allein in eine entlegene Wand einsteigt, riskiert leichtfertig sein Leben.

Von diesem Denken zu meiner Einstellung gibt es allerdings keine logische Verbindung. Um die Beweggründe hinter einem solchen Abenteuer zu verstehen, muss man sich auf eine andere Betrachtungsweise einlassen. Denn für mich ist der Einsatz, den solche Abenteuer erfordern, keinesfalls sinnlos. Es ist gerade diese Bereitschaft zum Risiko, die die vollkommene Überzeugung meines Tuns widerspiegelt.

Ich wusste, dass diese Route schwierig ist. Die Erstbegeher brauchten fünf Tage, und nur einmal in neun Jahren wurde sie wiederholt. Ich nahm kein Biwakmaterial mit in die Wand, um möglichst leicht und schnell zu klettern. Meine Optionen waren: den Gipfel zu erreichen oder ein Rückzug, den ich zu jeder Zeit in Erwägung zog.

Am Einstieg fühlte ich mich gut, voller Selbstvertrauen und Vorfreude. Die Kletterei in der Route war anspruchsvoll und anstrengend, doch ich war durchwegs fokussiert und hatte stets das Gefühl, Herr der Lage zu sein. Am Gipfel kam schon die erste Freude hoch, und spätestens am nächsten Tag – zurück im Tal – war ich um ein geniales Erlebnis reicher. Der schnelle Alleingang hatte mich in genau jenen Erfahrungsbereich gebracht, den ich gesucht hatte.

Das genaue Gegenteil musste ich an der nahe Innsbruck gelegenen Martinswand erleben: Vor ein paar Jahren bin ich dort solo in den Ostriss eingestiegen. Die Schwierigkeiten dieser klassischen Route bewegen sich im angenehmen Bereich, und trotzdem stopfte ich mir ein dünnes Seil als Sicherheitsreserve in den Rucksack. Nach den ersten hundert Metern spürte ich noch mehr, dass der Gegenwert dieser Aktion in keiner Relation zum damit verbundenen Risiko steht. Ich seilte ab.

Objektiv betrachtet riskierte ich in „Les Barbares“ viel mehr als an der Martinswand, und dennoch fühlte ich mich im Ostriss von Anfang an unwohl. Dort hatte ich nur vor, mir die Langeweile zu vertreiben. Dafür das Risiko eines Absturzes einzugehen, war ich nicht bereit.

Für einen Erfolg der Tour meiner Träume, der Nordostwand des Masherbrum in Pakistan, ist ein ganz anderes Maß an Einsatz gefordert. Man kann sich diesem Ziel nicht mit zahllosen Versuchen nähern. Die objektiven Gefahren sind zu groß, um es einfach einmal zu probieren. Steigt man ein, dann nur mit voller Überzeugung.

Das Risiko ist immer präsent. Maßgeblich ist, dass man hinter seinen Entscheidungen und Taten stehen kann.

Als Kolumne erschienen im Magazin Bergwelten

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