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17.05.2012

Ein barbarisches Abenteuer

Es ist kalt und dunkel. Keine Menschenseele ist in Sicht. Ganz alleine marschiere ich über den hartgefrorenen Schnee, der den Argentière Gletscher bedeckt in Richtung der mächtigen, 500m hohen Nordwest Wand der Points supérieures de Pré de Bar. Je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr kommt es mir vor, als würde diese Bergkette, mit ihren unzähligen kleinen Spitzen, alles verschlingen, was sie umgibt. Den Mond habe ich, seit ich gestern Abend am Gletscher biwakiert habe, nicht mehr gesehen. Mehr und mehr Sterne verschwinden hinter den dunklen Pfeilern und Verschneidungen aus Fels und Eis und die Wand selbst scheint zu wachsen, je näher ich ihr komme.

Mein Ziel ist die Route Les Barbares, eine elegante Linie durch eine der imposantesten Wände in diesem Tal. Mein Wissen zu der Route beschränkt sich auf die Informationen meines Chamonix-Führers und einen Internetbericht mit einigen Fotos einer Wiederholung (Hier der Link). Soviel ist allerdings sicher, die Route ist gleich schwer wie ernst und ich muss mich sehr beeilen, um es in einem Tag bis zum Gipfel zu schaffen. Biwakausrüstung nehme ich nicht mit.

Kurz unterhalb des Bergschrunds mache ich mich bereit, hänge mir mein Material um, ziehe die Steigeisen an, setze den Helm auf, nehme meine Eisgeräte und starte los. Zuerst steige ich ein steiles Schneefeld hoch, dann wird die Kletterei anspruchsvoller und ich fange an mich zu sichern.

Über dünne Adern aus Eis steige ich immer höher. Eine kurze, äußerst anspruchsvolle Felspassage bringt mich dann in das große Schneefeld, in der Mitte der Wand. Es ist jetzt 7:30 in der Früh. Ich bin erst dreieinhalb Stunden unterwegs. Es ist an der Zeit eine kurze Pause zu machen. Ein Schluck kaltes Wasser und ein paar Bissen von meinem Müsliriegel und ich klettere wieder weiter.

Zuerst über dünne Eisplatten, dann überwinde ich eine kurze Stelle in technischer Kletterei, dann muss ich die Handschuhe ausziehen, den Fels vom Schnee säubern und ein paar Meter so hinter mich bringen, bevor ich wieder meine Eisgeräte verwenden kann. Die Kletterei ist komplex. Das schätze ich so sehr am kombinierten Gelände. Es gilt nicht nur in einem Bereich gut zu sein, sondern man muss überall fit sein und Fels, Schnee und Eis zu kombinieren wissen.

Die nächste Seillänge startet mit einem kurzen Pendelquergang und führt dann in einer Eisspur gerade hoch zum Stand. Darauf folgt ein überhängender Felsaufschwung, der die Schlüsselpassage der 20 Seillängen Route bildet. Die Absicherung ist nicht besonders gut und die Kletterei noch anspruchsvoller als zuvor. Eineinhalb Stunden brauche ich um die Schwierigkeiten zu überwinden. Jetzt ist der Weg nach oben frei.

Wie schon am Anfang der Route formen die Adern aus Eis die Kletterlinie. Je höher ich komme, desto dünner werden sie, gehen über in Kapillare, die mein Gewicht fast nicht mehr tragen und auszubrechen drohen. Je näher ich meinem Ziel komme, desto kraftraubender wird auch der sich immer wiederholende Prozess mit der Selbstsicherung. Da ich alleine unterwegs bin, muss ich mich nach jeder gekletterten Seillänge abseilen um meine Friends und Keile zu holen, und dann die Länge nochmals machen.

Am späten Nachmittag stehe ich dann aber endlich am Gipfel. Über 13 Stunden war ich unterwegs, die Strapazen sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Das Abseilen wird nochmals zur mentalen Anstrengung. Ich spüre dass ich zunehmend müder werde, muss mich allerdings nochmals für drei Stunden konzentrieren, bis ich wieder den sicheren Boden erreiche.

Hundemüde falle ich in mein Zelt. Morgen früh werde ich wieder alles zu Fuß zurück nach Chamonix gehen. Die Seilbahn, die einen normalerweise rauf und runter bringt, ist gerade außer Betrieb. Der endlos scheinende Weg vom Tag bis hier her, der mir schon vor zwei Tagen einiges an Kraft gekostet hat, bleibt mir wiederum nicht erspart. Ein Leichtes wäre es einfach im Zelt liegen zu bleiben. Aber nach dieser Tour ist mein Verlangen nach Zivilisation wieder genau so groß, wie zuvor mein Verlangen nach Abenteuer.

Les-Barbares_01

Dead tired back at the tent

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