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26.01.2016

Nahe dran: Lunag Ri (6907m)

Als meine Eltern und ich in Phaplu, dem Heimatdorf meines Vaters, ankamen, war es das erste Mal seit mehr als 15 Jahren, dass ich wieder in Nepal war. Vor allem durch die Erdbeben im April und Mai hatte sich vieles verändert: Auch das Elternhaus meines Vaters, das mittlerweile nur noch von meinem Onkel bewohnt wird, war teilweise eingestürzt. Viele andere Häuser im Dorf hatten ein ähnliches Schicksal erlitten. Da Phaplu jedoch einen Flughafen hat und auch per Auto erreichbar ist, war der Wiederaufbau für nepalesische Verhältnisse gut vorangegangen. Dennoch hatten viele Leute die Region verlassen und waren, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in größere Städte gezogen.

Lunag Ri David Lama

Obwohl ich als kleines Kind bereits drei Mal mit meinen Eltern in Nepal gewesen bin, hatte ich vor meiner Abreise kaum noch konkrete Erinnerungen. Als wir dann aber in Phaplu ankamen, erkannte ich trotzdem vieles wieder. Lieder von Schulkindern, die am Weg entlang spazierten, die Gerüche der Gewürze im Essen oder auch die Gesichter meiner Verwandten, die ich zuvor nicht mehr hätte beschreiben können, fühlten sich auf einmal wieder vertraut an. Es war eine eindrückliche Erfahrung, zu erleben, wie diese Erinnerungen wieder lebendig und präsent wurden.

Seit einiger Zeit war es mein Wunsch gewesen nach Nepal zurück zu kehren. Der Familienbesuch sollte aber nur ein Teil dieser Reise sein. Der zweite Beweggrund war – wie könnte es anders sein – ein Berg. Als Ziel hatte ich mir die Erstbesteigung des Lunag Ri (6.907m) ausgesucht: Die Kombination aus einem noch komplett jungfräulichen Gipfel und herausfordernder Kletterei ist nicht alltäglich – oft sind gerade die unbestiegenen Gipfel klettertechnisch weniger reizvoll. Der Lunag Ri aber ist von allen Seiten äußerst schwierig. Das beweist alleine schon die Tatsache, dass er schon von mehreren Expeditionen versucht wurde. Manchmal sind die Teams mehr, manchmal weniger knapp gescheitert – oben war jedenfalls noch nie jemand. Conrad Anker und ich wollten den Berg über seine Nordwestwand besteigen.

Von Anfang an lief alles wie am Schnürchen. Der Anmarsch ins Basislager zog sich über mehrere Tage und führte über den etwa 5.417 Meter hohen Rinjo-La-Pass. Perfektes Wetter begleitete uns bis in unser Base Camp. Nachdem wir dort einen Tag gerastet hatten, machten wir uns gleich weiter auf den Weg zum Wandfuß des Lunag Ri, um dort unser vorgeschobenes Basislager einzurichten und die Aufstiegsmöglichkeiten zu studieren.

Unser ursprünglicher Plan war, so weit wie möglich entlang einer Eisrampe durch die Nordwestwand zu klettern, um dann unter der Headwall auf den Nordwestgrat zu gelangen und diesem bis zum Gipfel zu folgen. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Rampe wenig Eis hatte und dadurch sehr steinschlaggefährdet war. Vor allem Conrad wollte dieses Risiko nicht eingehen und lieber weiter links eine schwierigere Linie versuchen, über welche man den Grat an seinem tiefsten Punkt erreicht. Seine Bedenken waren nachvollziehbar und so fassten wir einen neuen Plan: Am ersten Tag würden wir über eine steile Felswand zum Nordwestgrat aufsteigen und auf diesem soweit wie möglich weiter klettern. Nach einem Biwak, so unsere Vorstellung, wollten wir am nächsten Tag den Gipfel erreichen.

Wir kehrten in unser Basislager zurück und machten eine Akklimatisationstour auf den Nahe gelegenen „Fox Peak“ (ca. 5.777m). Nach einer sternenklaren Nacht am ausgesetzten Gipfel und obwohl seit unserer Ankunft in Kathmandu erst knapp zwei Wochen vergangen waren, fühlten wir uns bereit für einen Versuch am Lunag Ri.

Lunag Ri David Lama

 Am Einstieg wurde uns klar, dass es ganz schön schwierig werden würde, den Grat überhaupt zu erreichen.

Zeitdruck hatten wir auch, denn wenn am Nachmittag die Sonne in die Wand knallte, verwandelte sich der obere Wandbereich in eine gefährliche Steinschlagzone, oder „Hell’s Kitchen“, wie es Conrad nannte. In der ersten Seillänge erwartete mich gleich steiles, extrem brüchiges Felsgelände das nochmal mit schwarzem, kerzenwachsähnlichem Eis verschärft war. Ich musste sogar meinen Rucksack abnehmen um einen abdrängenden Kamin zu bewältigen. Ähnlich zäh ging es weiter bis wir am frühen Nachmittag den Nordwestgrat erreichten. Dieser bot uns mit schlechten Sicherungsmöglichkeiten, steilem, grundlosen Schnee, und komplizierter Routenfindung keine Gelegenheit zur Pause. Die Ausgesetztheit war dafür entsprechend spektakulär.

Bei einbrechender Dunkelheit kletterte Conrad die letzten paar Seillängen bis wir unseren Biwakplatz unter einem großen Felsblock erreichten. Ein kleiner Spalt diente uns nach ein paar Stunden Graben als Unterschlupf. Wir aßen einige Streifen Buffalo Jerky, das Conrad aus Montana mitgebracht hatte. Es war abgesehen von einem halben Riegel das Einzige was wir seit unserem Aufbruch in der Früh gegessen hatten. Nach einer kurzen, fast schlaflosen Nacht ging es gegen zwei Uhr morgens bereits weiter.

Weil wir nur noch einen Tag erträgliche Wetterbedingungen erwarteten, ließen wir unser Biwakmaterial zurück und versuchten so schnell und leicht wie möglich zum Gipfel zu gelangen. Das Gelände blieb in allen Belangen anspruchsvoll.

Lunag Ri David Lama

In circa zwölf Stunden kletterten wir über den heiklen Grat, bis uns nur noch die 300 Meter hohe Headwall von unserem heiß ersehnten Ziel trennte. Der Granit war deutlich besser als unten, und die Kletterei ließ phasenweise unsere Bergsteigerherzen höher schlagen. Dort aber war es Zeit auszusprechen, was wir beide schon lange befürchteten: Der Gipfel lag heute außer Reichweite und ein oder vielleicht sogar zwei Biwaks ohne Zelt und Schlafsäcke bei -25 °C und starkem Wind war uns einfach zu riskant. Wir würden weit mehr als nur unsere Finger und Zehen auf’s Spiel setzen, wenn wir eine Nacht auf dieser Höhe verbringen würden. Auch wenn uns die Entscheidung schwer fiel waren wir uns einig: Ein Rückzug war die einzig vernünftige Option.

Das Abseilen über den Grat gestaltete sich als mühsam und äußerst schwierig. Entlang der Kante gab es kaum Sicherungsmöglichkeiten. Gerade nach unten abseilen war auch nicht möglich und so waren wir zu einem zeitaufwändigem Mix aus Abseilen, Abklettern und Ausqueren gezwungen. Erst spät in die Nacht erreichten wir wieder unseren Biwakplatz, der uns Schutz vor der Kälte bot.

Am nächsten Tag mussten wir durch die Hell’s Kitchen abseilen – wir warteten bis die Sonne weg war, und die Steinschlaggefahr abnahm. Zurück am Wandfuß hatten wir nahezu unser ganzes Klettermaterial verbraucht und waren völlig am Ende. Wir hatten unser ganzes Pulver in nur drei Tagen am Berg verschossen.

Hätten wir den Gipfel noch in der Tasche gehabt, wäre unsere Tour perfekt gewesen. Dafür hatten wir unsere Finger noch, die wir am Weg runter in unser Lager immer wieder in unseren Hosentaschen wärmten und die auch bei unserem nächsten Versuch nützlich sein dürften. Diesen haben wir bereits für nächstes Jahr ins Auge gefasst.

High Spirits in Nepal

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